Frage: Jan, der Fanclub ist im August 2001 30 Jahre alt geworden. Wie hat alles angefangen?

Jan Flederus: Es hat Ende der fünfziger Jahre angefangen. 1959, damals wohnte ich in Arnheim bei meinen Eltern, bekam ich von einem Onkel ein Radio geschenkt. Im Radio gab es jeden Freitag ein Programm von Radio Luxemburg mit Country-Musik und was mir am besten gefallen hat, waren die Songs von Johnny Cash, Hank Snow und der Carter Family. Meine erste Platte von Johnny Cash habe ich aber erst im Jahre 1971 erstanden, damals wohnte ich in Lelystad, arbeitete aber schon in Dalfsen. Ich musste deshalb jede Woche hin- und herfahren. Einmal bei einem Zwischenstopp in Zwolle habe ich mir die Platte ‚The World of Johnny Cash‘ besorgt. Die Stimme von Johnny Cash gefiel mir von allen Sängern am besten; sie hat mir immer etwas gesagt. Ich hab’ dann die Platte mit nach Hause genommen. Mein Daddy arbeitete damals bei der holländischen Armee in Zeedorf. Dort gab es ein Geschäft, wo man die Platten für etwa zehn Mark kaufen konnte. Ich bat meinen Daddy, alle lieferbaren LPs von Johnny Cash zu bestellen, die meisten waren von CBS. Im September brachte er dann 30 Platten auf einmal mit, die so zum Grundstock meiner Sammlung wurden. Das war der Anfang.

Frage: Warum hast Du schon vorher, im August, den Fanclub gegründet?

Jan Flederus: Eine Platte genügte mir eben nicht. Auf der Rückseite waren viele andere Cover abgedruckt. Deshalb habe ich bei der CBS in Haarlem angerufen und gefragt, ob es eine Biographie und Diskografie von Johnny Cash geben würde oder einen Fanclub. Die Antwort war nein. Ich fragte daher nach der Erlaubnis, einen Fanclub zu gründen, die ich dann auch bekam. So hat es ungefähr angefangen.

Frage: Wann und wo hast Du Johnny Cash zum ersten Mal live gesehen?

Jan Flederus: Am 26. Februar 1972 in Amsterdam. Am Abend davor gab es eine Fernsehshow Grand Gala du disque populaire, bei der am Schluss Johnny Cash auftrat, um ein Uhr morgens. Das war an seinem vierzigsten Geburtstag. Johnny bekam ein Torte geschenkt, die ungefähr zwei Meter hoch war. Am nächsten Tag gab es ein Konzert in der RAI und am 27. Februar ein weiteres Konzert im Congres Gebouw. Bei beiden Shows war ich dabei.

Frage: Und wann und wo hast Du Johnny Cash zum ersten Mal persönlich begrüßt?

Jan Flederus: Ungefähr 1974 oder 1975. Genau weiß ich das nicht mehr, und ich weiß auch nicht mehr wo.

Frage: Du bist ihm dann aber im Laufe der Jahre regelmäßig begegnet.

Jan Flederus: seit Mitte der siebziger Jahre habe ich die meisten Konzerte in Europa besucht, anfangs sogar fast alle Konzerte. Erst in den neunziger Jahren wurde es dann etwas weniger.

Frage: Welche von den vielen Tourneen hat Dir den größten Eindruck hinterlassen?

Jan Flederus: Ich denke, das war die Oktober-Tournee 1981 in England und Schottland mit den Aufnahmen für die Weihnachtsshow Christmas in Scotland. Wir waren damals zu viert zwei Wochen mit der Johnny Cash Show unterwegs. Zuerst wurden die Fernsehaufnahmen gemacht, im Zoo, auf dem Schiff und in der Kirche, wo ich sogar zu sehen bin, allerdings nur von hinten. Auf dem Schiff kann man meine Handtasche sehen, dort mussten wir natürlich unter Deck bleiben Wir haben damals viel erlebt und hatten eine sehr schöne Zeit.

Frage: Du warst auch in Montreux dabei im Jahre 1984?

Jan Flederus: Ja, 1984 war ich für eine Woche in Montreux und auch da haben wir alles mitgemacht, mit Johnny und June gesprochen, manchmal auch zusammen mit ihnen gegessen, und wir sind natürlich auch Willie, Waylon und Kris begegnet.

Frage: Hast Du eine Vorstellung, wieviel Konzerte Du in all den Jahren gesehen hast? Und in welche Länder bist Du dafür gereist?

Jan Flederus: Nein, wieviele genau weiß ich nicht, es müssen aber zwischen 100 und 150 gewesen sein, denn ich habe mindestens 100 Eintrittskarten, und bei vielen anderen Konzerten bin ich einfach hineingeschlichen. Welche Länder? Vor allem Deutschland und England, natürlich alle Konzerte in Holland, aber auch Österreich, die Schweiz und Belgien.

Frage: Hast Du ein Lieblingskonzert, das Dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Jan Flederus: Ich denke besonders gern an die Konzerte 1979 in England zurück, das war die Zeit von ‚Gone Girl‘, überhaupt die Konzerte in den siebziger Jahren, die dauerten in der Regel drei Stunden, denn da waren Mother Maybelle, Carl Perkins und die Statler Brothers mit von der Partie. Später wurden die Shows dann kürzer. Unvergesslich war auch das Konzert in Böblingen im April 1981 mit Carl Perkins und Jerry Lee Lewis als Überraschungsgästen.

Frage: Auf diesen Tourneen gab es sicher viele schöne Erlebnisse. Gibt es so etwas wie eine Lieblingsepisode oder -geschichte von Dir mit Johnny Cash?

Jan Flederus: Ich würde sagen: eher eine komische Geschichte, denn bei Johnny Cash war alles komisch. Er machte immer Witze, zum Beispiel in Schottland 1981. Wir sind da mal, nachdem morgens Aufnahmen am Nordseestrand gemacht worden waren, mit einem Bus zu einem Restaurant gefahren. Ich hatte mir beim Essen Kabeljau bestellt und das hat mir auch sehr gut geschmeckt. Aber zuvor musste ich erst mal auf die Toilette und dort begegnete mir auf einmal Johnny Cash. Wir gingen anschließend beide zurück nach oben. Es gab drei Türen und ich wusste, dass ich durch die mittlere Tür nicht durchgehen konnte, weil direkt dahinter der Tisch stand. Ich hätte also durch die linke Tür gehen sollen, wo ich auch herausgekommen war. Aber Johnny Cash sagt, nein, gehe hier rein, und dann reißt er einfach die Tür auf, die prallt an einen Stuhl und schmeißt ein Glas mit Wein um. Johnny schiebt mich nach vorne, wohl um mich als Schuldigen an dem Vorfall hinzustellen, und ich kann mir nicht anders helfen als auf Englisch zu sagen „He did it“, worauf hin Johnny und die anderen am Tisch alle lachten. Das war eine der vielen komischen Geschichten.

Frage: Ist es mehr als ein Gerücht, dass Du Dich einmal auf Johnnys Füße gesetzt hast?

Jan Flederus: Nicht nur ein Gericht. Das war in Münster 1978 oder 1980. Johnny bat mich damals backstage in seinen Umkleideraum hinein und wie Du weißt, bin ich blind. Ich wollte mich also auf den Stuhl neben Johnny setzen, wusste aber nicht, dass er seine Füße darauf gelehnt hatte, also setze ich mich voll auf seine Füße. Bei einem anderen Konzert, in Preston 1984, wurde mir gesagt, dass Johnny Cash mich hinter der Bühne erwarten würde. Ich wurde also von einem Ordner dorthin geleitet und mit einem Fahrstuhl nach oben gebracht. Dort saß Johnny Cash, die Schuhe ausgezogen und die Füße ebenfalls auf einen anderen Stuhl gelehnt. Meine Freundin Anita Giller, die mich damals begleitet hat - sie ist leider 1990 verstorben - sagte mir später, dass Johnny ein großes Loch in einer der Socken hatte ...

Frage: Nachdem Du Johnny Cash über dreißig Jahre lang begleitet hast, gibt es sicher auch einen Lieblingssong und eine Lieblingsplatte?

Jan Flederus: Lieblingsplatten würde ich sagen ‚Hello I’m Johnny Cash‘ und ‚Happiness Is You‘. Die schönsten Alben stammen für mich aus den sechziger und frühen siebziger Jahren. Lieblingssongs vielleicht ‚Far Side Banks of Jordan‘ und ‚Sunday Morning Coming Down‘. Ich mag vor allem die ruhigen, getragenen Stücke.

Frage: Du hast den Fanclub jetzt dreißig Jahre geleitet, und das erklärt sich sicher auch aus Deiner Sammelleidenschaft. Du hast die wahrscheinlich weltweit größte Sammlung von Johnny Cash-LPs, Singles, CDs, Posters, T-Shirts und Büchern zusammengetragen. Was ist daraus geworden?

Jan Flederus: Ja, ich hatte die wohl größte Sammlung, mindestens 1000 LPs, 600 Singles, 80 EPs, 30 Schellackplatten, 100 verschiedene Poster, fast alle Bücher und Songbücher, später natürlich auch CDs. Ende der achtziger Jahre plante Johnny Cash, sich wie viele andere Country-Sänger auch, in Branson, Missouri niederzulassen. Zu diesem Zweck wollte er neben einem eigenen Theater auch ein Museum errichten, ähnlich dem Museum im House of Cash in seinem Wohnort Hendersonville. Johnnys Manager Lou Robin fragte deshalb bei mir nach, ob ich Johnny Cash meine Sammlung verkaufen würde, wozu ich auch gerne bereit war. Wir hatten uns schon auf den Preis geeinigt, als alles auf einmal ganz anders kam. Der Unternehmer, der das Theater in Branson bauen sollte, ging Pleite und prellte Johnny um viele Millionen. Damit wurden auch die Pläne für das Museum hinfällig, und es bestand keine Notwendigkeit mehr, meine Sammlung zu erwerben. Ich entschied mich daher, die Platten an einen Bekannten in England zu verkaufen, weil der mir garantierte, dass er die Sammlung unter allen Umständen zusammenhalten würde. Mit PKW und Anhänger mussten wir zweimal fahren, um alle Kartons hinzubringen.

Frage: Du hast eben schon erwähnt, dass Du blind bist. Wie hast Du die Fanclubarbeit damit über dreißig Jahre lang geschafft?

Jan Flederus: Das hab’ ich auch nie verstanden. Nein, im Ernst: Einen Fanclub kann man nicht alleine machen. Wenn, dann muss man gut sehen können und reichlich viel Zeit haben. Als ich den Fanclub noch ganz alleine machte, konnte ich zwar nur schlecht sehen, aber damals war es noch nicht soviel Arbeit. Das Clubheft bestand nur aus einem Blatt. Später haben wir zwei Zettel gemacht und gefaltet. Mit dem DIN A4 Format haben wir erst 1981 angefangen. In all den Jahren haben mir viele Leute geholfen, am Anfang meine erste Frau Elvira, in den achtziger Jahren Anita Giller, in den neunziger Jahren Frank Decker, Susan Koop und Antje Arndt, die den Club eine Zeitlang auch alleine leiteten, dann aber aus Zeitgründen die Sache wieder an mich zurückgegeben haben. Heute helfen mir Frank, Kalli und Norbert und meine beiden Kinder. Das Clubheft, der Verkauf, die Mitgliederverwaltung, die Veranstaltung von Clubtreffen – das alles kostet viel Zeit, man muss im Schnitt zwei Stunden pro Tag rechnen.

Frage: Wie hat sich denn der Fanclub über die Zeit mitgliedermäßig entwickelt?

Jan Flederus: Wechselhaft. Man fängt natürlich bei Null an. Bis Ende der siebziger Jahre hatten wir 200 Mitglieder, die aber fast ausschließlich aus Holland kamen. In den achtziger Jahren stießen immer mehr Deutsche hinzu. Heute haben wir knapp 300 Mitglieder, von denen die Hälfte aus Deutschland stammt. 80 Mitglieder sind aus Holland, der Rest verteilt sich auf den Rest Europas und Übersee.

Frage: Zur Fanclubarbeit gehören ja auch die regelmäßigen Clubtreffen – etwa 50 an der Zahl –, die in all den Jahren stattgefunden haben. Welche Treffen haben sich in Deinem Gedächtnis besonders eingeprägt?

Jan Flederus: Am besten kann ich mich an ein Treffen 1975 oder 1976 erinnern, das in Rotterdam stattfand und bei dem über 200 Personen anwesend waren. Bis heute versuchen wir, zwei Treffen pro Jahr zu veranstalten, eines in Dalfsen und das andere an einem anderen Ort, im Süden Hollands oder in Deutschland.

Frage: Johnny Cash geht seit vier Jahren nicht mehr auf Tournee. Wie hat sich das auf Dich und die Fanclubarbeit ausgewirkt?

Jan Flederus: Beim Fanclub hat es keine Änderungen gegeben. Seit ‚American Recordings‘ 1994 haben wir viele neue Mitglieder bekommen, von denen die meisten aber nur ein Jahr geblieben sind. Das letzte Konzert, das ich besucht habe, war im April 1997 in Düsseldorf. Für mich gibt es Johnny Cash aber noch immer, er macht weiterhin Musik, auch wenn er jetzt mehr Zeit für sich selber nimmt und alles ruhiger angehen lässt. An meinen Gefühlen für Johnny Cash hat sich nichts geändert. Auch wenn bei den Konzerten nicht immer alles perfekt war – die Stimme, die Persönlichkeit war da und hat mir stets ein warmes Gefühl gegeben. Johnny Cash war immer ein besonderer Mensch und er wird es auch bleiben.

Frage: Also denkst Du, dass es mit der Fanclubarbeit noch ein paar Jahre so weiter geht?

Jan Flederus: Ich glaube, dass es noch viele Jahre weiter geht mit dem Club, und ich hab’ das Gefühl, dass wir in Zukunft eher mehr als weniger Leute bekommen werden. Es gibt viel Musik, die vergeht. Johnny Cashs Musik wird jedoch bleiben und weiterhin viele Leute in den Bann ziehen. Von den zahlreichen unveröffentlichten Platten- und Fernsehaufnahmen, auf die wir uns vielleicht noch freuen dürfen – z.B. die ABC Shows aus den Jahren 1969 bis 1971 – , möchte ich hier gar nicht reden.

Frage: Es gibt also noch sehr viel zu tun für den Fanclub?

Jan Flederus: Ja. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass die Fanclubhefte in den letzten Jahren immer dicker geworden sind. Es gibt also immer mehr Nachrichten und Projekte, wie zum Beispiel unsere CD-Diskografie, die den Leuten sehr gefällt.

Frage: Welche Wünsche hast Du an die Fanclubmitglieder?

Jan Flederus: Ich wünsche mir, dass die Mitglieder öfter mal etwas für das Clubheft schreiben. Außerdem denke ich manchmal, dass viele gar nicht wissen, wie viel schöne Aufnahmen von Johnny Cash es auf Platte und Video gibt. Der Fanclub möchte ihnen helfen, diese Aufnahmen zu entdecken. So verstehe ich meine Aufgabe jedenfalls.